05. Dezember 2015
19.00 Uhr


 

Adventskonzert bei Kerzenschein
  

Henrik Rabien, Fagott,

und die Fagottklasse der Hochschule für

Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt

  

Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen,

in einer Bearbeitung für Fagottensemble

  

 

 

Bassoon Consort Frankfurt

  

Die vorliegende Transkription der Goldberg-Variationen für Fagottensemble wurde im Mai 2013 anlässlich eines Konzertes im Frankfurter Senckenberg-Museum mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben und seither in zahlreichen Konzerten aufgeführt. Seit August 2015 liegt nunmehr auch die Ersteinspielung dieser Version auf SACD vor (Dabringhaus & Grimm Audiovision). 

Auch das Ensemble des heutigen Abends besteht dabei wiederum aus Lehrenden, Studierenden und Ehemaligen der Fagottklasse von Prof. Henrik Rabien an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main (ebenso wie bei früheren Konzerten und bei der SACD-Produktion). 

Den reichhaltigen musikalischen, spieltechnischen und koordinatorischen Herausforderungen dieses besonderen Projektes stehen folglich ebenso vielfältige Motivationen gegenüber: Einerseits die Möglichkeit, eines der besonders mitreißenden Meisterwerke Bachs in Form von differenziert „orchestrierter“ Kammermusik zu realisieren und dabei gleichzeitig das Ensemble durch Proben, Konzerte und  Aufnahmen in ganz besonderer Weise entwickeln und verfeinern zu können sowie schließlich die Früchte dieser gemeinsamen Arbeit zu dokumentieren. Andererseits aber auch grundsätzlich die universelle und äußerst motivierende Kraft von Bachs musikalischem Kosmos, welcher in höchstem Maße Vielfalt in der Einheit verkörpert und ebenso von den Ausführenden verlangt. 

Sollte es uns darüber hinaus gelingen, mit dieser Fassung der Goldberg-Variationen unsere Hörer für die vielseitigen Qualitäten von Fagott und Kontrafagott zu begeistern, wäre uns dies eine ganz besondere Freude! Immerhin ergibt sich hier die Gelegenheit, den besonderen Fagott-Ensembleklang in mannigfaltigen Farben, Registern und Situationen höchst abwechslungsreich und plastisch zu erleben.

 

Anmerkungen zu Original + Bearbeitung

Die „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach gelten als eines der Gipfelwerke der barocken Cembalo-Literatur und der Variationen-Literatur überhaupt. Sei es hörend, lesend oder spielend, stets wird man durch die Berührung mit dieser Musik aufs Neue in staunende Begeisterung versetzt, so phänomenal verschmelzen die ordnenden und die blühenden Prinzipien miteinander; so faszinierend erfüllt ist die zyklische Architektur mit geradezu überwältigender Phantasie und musikalischem Artenreichtum an Gattungen, Satzkünsten, Charakteren und Stilen (inkl. Bachs Anspielungen auf europäische Zeitgenossen und Vorfahren); so reich, tief und ungeheuer umfassend ist die emotionale Spannweite des musikalischen Ausdrucks. Die Reise durch diese Variationen wird immer auch zu einer Reise durch alle Höhen und Tiefen seelischer Empfindungen. 

Die Idee, das komplexe Werk für Ensemble zu setzen, ist dabei natürlich keineswegs neu, ebenso wenig wie die damit verbundenen Herausforderungen und Reize (besonders verbreitet sind verschiedene Fassungen für Streichtrio).

Grundlage der vorliegenden ungewöhnlichen Version ist es zunächst, in Tonarten und Stimmführung dem Original so treu wie möglich zu bleiben (mit Ausnahme der beinahe durchgängigen Abwärts-Oktavierung). Gleichzeitig wird aber zu zeigen versucht, dass eine Auffächerung der Originalstimmen sehr sinnfällig gelingen kann: und zwar eine Verteilung auf verschiedene Spieler ebenso wie auch auf die unterschiedlichen Klangregister der Fagotte.

Bei unserem consort-ähnlichen Ensemble entsteht allerdings eine ganz eigene Situation: Auf den ersten Blick erscheint die Besetzung nicht unbedingt nahe liegend und man mag als Motivation vielleicht zunächst eine gewisse sportliche Herausforderung vermuten.

Dass dies entschieden zu kurz greift, zeigt sich jedoch spätestens auf den zweiten Blick: Dann kann man entdecken, dass Fagott und Kontrafagott eine Fülle instrumentaler Eigenschaften und Qualitäten mitbringen, welche der ungewöhnlichen Realisierung des Werkes in verblüffender Weise zugute zu kommen scheinen, ohne auch nur im Geringsten einseitig zu wirken. So rücken z. B. gesanglich-melodische Elemente sowie alle Aspekte des Atmens wie von selbst verstärkt in das Zentrum der Aufmerksamkeit.  

Das cantable Timbre der Fagotte ist bereits in der ersten „Aria“ sehr reizvoll und lässt auch im weiteren Verlaufe der „verschiedenen Veraenderungen“ andere Aspekte keineswegs zu kurz kommen:  

Gerade die Polyphonie und Kontrapunktik des Werkes lassen sich durch die Stimmverteilung auf unterschiedliche Spieler sehr plastisch darstellen: sowohl die strengen Imitationen (in Kanons und Fugati) als auch die allgegenwärtigen freien Imitationen und Dialoge selbstständiger Einzelstimmen.

Der Klangfarbenreichtum der sehr unterschiedlichen Fagott-Register, vom Diskant und Tenor über Bariton und Bass bis hin zum 16-Fuß des Kontrafagotts, erweist sich dabei als überraschend geeignet, eine Balance zwischen Kontrapunkt (Selbstständigkeit) und Harmonie (Verschmelzung) der Einzelstimmen zu erreichen.

Variierende Besetzungsgrößen sowie unterschiedliche räumliche Positionen der einzelnen Spieler schaffen zudem ein abwechslungsreiches und fein abgestuftes Klangbild.

Es reicht von intimen, zweistimmigen Inventionen (Var. 7, 11) über dreistimmige Kanons (Var. 3, 6, 9, 12, 15, 18, 21, 24), drei- oder vierstimmige Sätze im alten Stil (Var. 10, 18, 22) und virtuose Bravourstücke (Var. 14, 20, 23, 26) bis hin zu Variationen von nahezu orchestralem Gepräge (Var. 4, 16) oder orgelartiger Klangfülle (Var. 28, 29, 30). Gerade bei voll besetzten „Tutti-Variationen“ eröffnen sich andererseits reizvolle Kontraste zu überraschenden Solo-Passagen, etwa nach dem Vorbild von Bachs Orchester-Suiten oder Brandenburgischen Konzerten. 

Selbstverständlich ist das Fagott jedoch gleichzeitig ein ebenso zentrales Basso-Continuo-Instrument, das dank klanglicher Modulationsfähigkeit, großer Artikulations-Bandbreite und einer genuinen Eignung zu tänzerisch-federndem Spiel aus keiner Continuo-Gruppe wegzudenken wäre.

Die Einbeziehung des Kontrafagotts in den Basso Continuo findet sich zwar unter der Bezeichnung „Bassono grosso“ bereits in Bachs Johannes-Passion. Seine in der vorliegenden Version vollzogene Emanzipation zum selbstständigen Continuo-Instrument ist aber in dieser Form ohne historisches Vorbild und zunächst vor allem ein Ergebnis der Oktavierung. Jedoch wird der Wechsel zwischen Continuo-Fagott und Continuo-Kontrafagott immer wieder auch sehr gezielt aus Gründen der Klangfarbe eingesetzt. Dazu bedarf es natürlich eines absolut erstklassigen Kontrafagottisten, der in seiner anspruchsvollen, durch fast drei Oktaven reichenden Partie den Fagotten in Selbstständigkeit, Klangqualität und Wendigkeit stets ein gleichberechtigter Partner ist.