Grußwort Pfarrer Giesler


An die Freunde der Kammermusik


Unsere Kirche hat eine trockene Akustik. Da ist kein Nachhall. Jeder Ton trifft das Ohr so, wie er auf dem Instrument oder mit der Stimme erzeugt worden ist. Das verschleiert die Musik nicht und fordert von den Darbietenden ein konzentriertes Spiel. Hinzu kommt, dass die Zuhörer sehr nah an den Musikern sitzen. Selbst in den hinteren Reihen können sie noch die übers Instrument wirbelnden Finger beobachten und das Minenspiel der Musiker. Damit entsteht eine Unmittelbarkeit in den Konzerten, die in unserer Kirche veranstaltet werden.

Das hat zum einen etwas sehr Nahes, Intimes und schafft damit Verbundenheit zwischen den Aufführenden und den Hörenden. Zum anderen erlaubt es den Musikern nicht, sich mit ihren Tönen, auch wenn sie mal nicht ganz so rein sind, was sehr selten in unseren Konzerten geschieht, hinter dem  Hall zu verstecken, oder mit ihren Bewegungen und Minenspiel ganz wo anders zu sein.

Andererseits macht all das ja gerade die Konzerte in unserer Kirche so interessant: Die Klarheit der Töne, die unmittelbare Begegnung mit der Musik und mit den Künstlern, die Nähe zur Musik und ihren Protagonisten, die Intimität, die dabei entsteht.

Gut, wenn Kirche all das ermöglicht, wenn sie ein Ort der Unmittelbarkeit und Verbundenheit ist, ein Ort der reinen und klaren Töne, nicht nur zu Konzerten, sondern auch mitten im Leben. Es ist gut, wenn wir uns nicht hinter einem Schleier sondern unmittelbar begegnen. Es ist gut, wenn wir uns im Leben nahe sind. Es ist gut, wenn das, was wir sagen und tun, klar und deutlich für den anderen ist. Es tut gut, wenn wir so miteinander verbunden sind, denn erst dann kann unser Leben gelingen, wie eben auch in diesem Jahr, nicht zuletzt durch unsere wunderbare Kirche, wieder gute Konzerte gelingen werden. So spiegelt sich in den Konzerten in unserer Kirche auch ein Stück Leben wider. Das wird in diesem Jahr besonders deutlich bei unserem letzten Konzert am 24. März 2012. Da steht die Vertonung der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz durch Joseph Haydn auf dem Programm. Diese sieben letzen Worte sind sieben Sätze, die Jesus nach den unterschiedlichen Evangelien in seinem Sterben gesagt haben soll. Sie lauten erstens: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lk 23,34), zweitens: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." (Lk 23,43), drittens: „Frau, siehe, dein Sohn!" und: „Siehe, deine Mutter!" (Joh 19,26-27), viertens: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Mk 15,34; Mt 27,46), fünftens:  „Mich dürstet." (Joh 19,28), sechstens: „Es ist vollbracht." (Joh 19,30) und schließlich siebtens: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." (Lk 23,46). Das sind keine besonderen Worte, auch wenn das Ereignis ein besonders brutales Wort ist. Keine heiligen Worte, auch wenn der Sterbende der Sohn Gottes ist.

Vielmehr alltägliche, menschliche Worte, die hier zum Klingen kommen. Da klingt erstens an: Die gnädige Zuwendung zum Anderen und der Einsatz für den Mitmenschen , zweitens: Stärke und Zuversicht, drittens: Fürsorge gegenüber den geliebten Menschen, viertens: Zweifel, fünftens: Not und menschliches Leiden, sechstens Gewissheit und Einsicht in die eigene Endlichkeit und siebtens: Vertrauen und Glaube. All das klingt auch immer wieder in unserem Leben an, so unterschiedlich diese Worte sind, so unterschiedlich sie unser Leben zum Klingen bringen. Diese sieben Worte spiegeln damit die Fülle menschlichen Lebens wider. Wo sie erklingen, da ist menschliches Leben, da ist die Fülle des Lebens. Ein Leben, das Fürsorge und Stärke kennt, wie auch Schwäche, Zweifel Not und Leiden. Wenn wir auf sie hören, unmittelbar und mit großer Nähe, so wie wir die Töne der Musik bei unseren Konzerten in unserer Kirche hören, dann sind wir unserem Schöpfer und damit unserer Bestimmung ganz nahe. Dann sind wir zu Hause in der großen unsichtbaren Kirche unter dem Dach Gottes, das uns Schutz und Segen ist, dann gelingt uns unser Leben, weil wir Gott und zugleich einander ganz nahe sind.

In diesem Sinne wünsche ich uns eine eindrückliche und anrührende Konzertzeit 2011 / 2012.


Ihr Pfarrer Werner Giesler